Brunftzeit (nicht nur) im Nationalpark
Wenn es durch den Wald rööööhrt weisst du wer der König der Wälder ist. Nicht der schlaue Fuchs oder die emsigen Gämsen. Der Rothirsch persönlich verschafft sich just während der Jagdsaison Raum, Ehre und im besten Falle Nachwuchs. z Problem isch nur: Es gibt meist nicht 20 Platzhirsche. Jeder will der alleinige Bock uf dum Terrä sein. Und dieses Schauspiel liessen wir uns nicht entgehen.
So reisten wir nach Zernez; im Bündnerland jawoll! Eine 5-stündige Zugfahrt aus dem Wallis - hoffentli lohnt schi de das. Aber bei Gipfeli und Ovo, sowie ab Zürich immer besser werdender Aussicht und Luft (nicht persönlich gemeint gell ;) kann das nur güet cho.
Nach einigen ersten Inputs zum Zoologiemodul und der ersten Nacht im Hotelbett, welches einem glatt den Wecker (und somit die Morgenstunde im Nationalpark) vergessen lassen könnte, pirschten wir uns erst einmal durch den ‘normalen Bergwald’ - da wo die Jäger noch mit der Flinte parat hocken dürfen. Da ein Pilz und dort eine Spechtschmiede. Hier ein Tröten vom Schwarzspecht und dort ein Federli vom sehr beschäftigten Tannenhäher (der Waldförster)… aber gross ins Gschäft kommen wir an diesem Tag noch nicht. Wir bleiben bei den kleinen (Fuchs-) Häufchen.
Dann am nächsten Tag geht es in den Parc naziunal svizzer - ein Ort wo die Natur freie Hand hat und dem tierischen Leben Freiraum gelassen wird. Vielversprechend! Wir sind nicht alleine - das ist wohl den meisten schon vor dieser Lektüre klar gewesen. Nur ich war etwas überrascht so viele Schulklassen, Familien und Wandergruppen zu kreuzen. Bald wurde auch klar warum: Im Feldstecher zeigten sich erste Prachtsexemplare, wie sie nur die Natur erschaffen kann. Hirsche mit gewaltigen Geweihen, Adler mit unglaublich eindrücklichen Flugmanövern und Steinböcke, welche sich überhaupt nicht für uns Menschen zu interessieren schienen. Da waren wir Zweibeiner dann wärli mehr am gaffen!
Ich vergass fast vorwärts zu gehen, so spannend war dieses Geröhre und Gezanke auf der anderen Talseite. Soll mal einer sagen, streiten sollte vermieden werden - wir waren extra dafür gekommen. Einer schien bereits ein Hareem von Hirschdamen (also -kühen) für sich gewonnen zu haben. Aber dann oha lätz kam da noch einer angerauscht, um sie ihm streitig zu machen. Zägg haben wir mit unseren ‘Lupen’ rübergezoomt. Die zwei Böcke stritten sich also und um sie herum bildete sich eine zweite Garde an potenziell interessierten, jedoch zögerlichen Böck-lis. Die Weibchen waren in diesem Moment in der Mitte zusammengedrückt in Deckung - wie der Pokal in sicherer Entfernung in der Vitrine ausgestellt. Nach einigen Minuten war diese Sache wieder geregelt (für den Moment) und alle Stiere verzogen sich wieder an ihren Platz - um dort weiter vor sich hin zu röhren. So ging das fast den ganzen Tag. Dass die nicht heiser werden, so ohne regelmässiges Training durchs Jahr und dann volle Gätter während mehreren Wochen… eben die Natur und die Wunder.
Wir kümmerten uns dann noch um das Murmeli und die Gämse und den Bartgeier und unseren eigenen Kram (Führungsstil)… und ich war einmal mehr tief beeindruckt von dieser Vielfalt auf unserem Planeten.
Ah: Und Eindruck machten mir dann auch einige Beobachtungen am Frühstücksbuffet oder beim Abendessen. Die Hirsche schienen die ein und den anderen animiert zu haben. So war ich mir nicht ganz sicher, ob ich da vielleicht ein kleines Busserl auf der Wange gesehen habe? Und ob da noch viel Platz zwischen den zwei Stühlen bei der Vorstellungsrunde war? Da ich in diesem Moment von meinem Sitzplatz aus schlecht unauffällig zum Feldstecher greifen konnte, musste ich es (vorläufig) noch als einmalige mögliche Sichtung verbuchen. Es ist schliesslich zurzeit Brunftzeit und somit auch bei den Platzhirschen noch nichts Definitives. Punkt.